Nachdem unser Bürgermeister weltweit für Schlagzeilen sorgte, zog Toronto am 22. Dezember 2013 wieder die Aufmerksamkeit der Presse aus aller Welt auf sich. Eine kalte Nacht mit starkem Eisregen fegte über die Stadt und sorgte für Chaos. Nach dem Weihnachtsfest von Sarahs Familie in Cambridge habe ich am nächsten Morgen mein Auto mit einer dicken Eisschicht überzogen vorgefunden. Vom Pneu bis zur Antennenspitze, vom Kühlergrill bis zum Kofferraumdeckel, alles war eingepackt in einer nahtlosen Eisglasur. Wenige Stunden zuvor packte ich noch munter Geschenke aus, da kratze ich nun fleissig die Eiszapfen vom Rückspiegel. Während der Motor von innen wärmte, hackte ich mit dem Scheibenkratzer auf der fast zentimeterdicke Folge einer Naturgewalt herum. Doch nach einer gute halben Stunde und zwei müden Armen später war mein Mazda wieder startklar.
Die eigentlichen Ausmasse des Sturmes wurden mir aber erst auf dem Heimweg nach Toronto bewusst. Als bereits die erste Strasse meines Weges von einem umgeknickten Baum blockiert war, wurde mir klar, dass dies wohl erst der Anfang eines langen Tages sein würde.
Die Autobahn war nur dürftig gepfadet, die Seitenstrassen kaum. Und in den Nachrichten wurden erste Zahlen zu den Sturmfolgen bekannt: 350'000 Haushalte in Toronto und Umgebung ohne Strom, ganze Viertel seien vom Ausfall betroffen. Manche Strassen waren aufgrund dunkeln Ampeln verstopft und im Radio wurde wiederholt informiert, dass diese Kreuzungen aus allen Richtungen als Stop angesehen werden müssen. Während der ganzen Heimfahrt sah ich Bäume am Boden und Autos in den Strassengräben. Sicherlich ein guter Geschäftstag für die Abschleppdienste und Pannenhilfen.
Doch ich meisterte die 100 Kilometer Fahrt an sich ohne grössere Probleme und kam sicher zu Hause an. Das Bild meiner Strasse hatte sich aber ziemlich verändert. Bäume krachten unter der schweren Last zusammen und rissen die oberirdischen Stromleitungen mit sich. So hing die die Zuleitung meines Nachbarns auf einem geparkten Transporter. Die Strasse war von der Polizei gesperrt worden. Ich konnte jedoch in ein beleuchtetes Zuhause zurückkehren. Als ich gerade eine SMS verschickte, dass bei mir alles ok war, erloschen plötzlich die elektrischen Kerzen unseres Weihnachtsbaumes und der Fernseher wechselte auf Dauerschwarz. Die geknickten Äste drückten die Stromleitungen zusammen und sorgten für ein kleines Feuerwerk. Funken sprühten zwischen den Leitungen und auf einen lauten Knall folgte ein leises Knistern der Äste. Und nur wenig später heulten von Weitem Sirenen und die Feuerwehr erschien gleich mit mehreren Fahrzeugen. Die Hiawatha Road verwandelte sich in Kürze von einer ruhigen Quartierstrasse zu einem Schauspielplatz à la Hollywood. Verwunderte Gesichter waren an jeder Haustüre zu sehen, denn kein Strom bedeutet auch keine Heizung. Dass dies um die Jahreszeit so manche Probleme mit sich bringen kann ist wohl einleuchtend und so möchten alle wissen, was der Stand der Dinge ist. Der
Ast brannte zwar nicht mehr, doch konnte die Feuerwehr aus
Sicherheitsgründen nichts Weiteres unternehmen und hatte sich auf den
Weg zum nächsten Einsatzort gemacht. So schnell wie sich alles entwickelt hatte, so schnell war es auch wieder still in der Nachbarschaft.

 |
| Stromlos: Znacht bei Kerzenlicht |
Nun war es also dunkel in der Strasse und wir begannen uns auf eine kühle Nacht vorzubereiten. Während Claire voller Freude mit ihrer Tigertaschenlampe im Haus herumrannte, versuchte Sarah ein möglichst feines Abendessen aufzutischen und den kranken Will zu versorgen. So sassen wir alle gemütlich bei Kerzenlicht am Tisch und machten das Beste aus der Situation. Die Kinder bekamen eine extra Decke und ich behielt für diese Nacht meine Socken an. In den Nachrichten wurde gesagt, wir müssten mit 72 Stunden ohne Strom rechnen, doch es werde keinen Notstand erklärt. Dies hat möglicherweise auch damit zu tun, dass dem Bürgermeister Rob Ford nach seinem Drogenskandal sämtliche Macht im Falle eines Notstandes vom Stadtrat entzogen wurde. Er hätte im Krisenfall fast nichts mehr zu entscheiden.
In der Nacht war es weniger kalt geworden als ich befürchtet hatte. Obwohl die Häuser hier eher schlecht isoliert sind, blieb ein Teil der Wärme bis am nächsten Morgen im Haus. Ein Besuch im nahegelegenen Einkaufzentrum, eine Art Coop Bau+Hobby, zeigte mir, dass nur wenige auf eine solche Situation vorbereitet waren. Ein Mitarbeiter erklärte, dass sämtliche Salzsäcke, Stromgeneratoren und Gasheizkörper ausverkauft seien. Ein Blick zum Taschenlampenregal bestätigte den Ansturm und ich war froh, nur eine Kleinigkeit für mich besorgen zu müssen.
Bevor ich am Montag für meine Nachtschicht zur Arbeit aufbrach, waren bereits Arbeiter der städtischen Elektrizitätsfirma in unserer Strasse am Werk. Glücklicherweise stand unser Quartier ziemlich weit oben auf der Liste und die Leitungen wurden noch am selben Tag von den Ästen befreit, die heruntergerissenen Kabel abgetrennt und das Quartier wieder dem Stromnetz angeschlossen. So lief die Heizung bei uns nach gut 24 Stunden bereits wieder und nur die Bewohner von zwei Häuser in der Strasse, bei denen der Masten der Zuleitung zusammenbrach, müssen noch ohne Strom ausharren. Denn in diesem Falle müssen Elektriker zuerst einen neuen Anschluss installieren, welcher auch noch inspiziert und abgenommen werden muss. Solange muss ein Verlängerungskabel von unserem Haus und ein elektrischer Heizkörper ihre Dienste tun. Doch die Kanadier sind hart im Nehmen.
 |
| Eislandschaft: Neben den negativen Folgen bietet sich dafür eine märchenhaft glänzende Landschaft |