Dienstag, 22. Oktober 2013

Auslandschweizer

Als ich im August nach Toronto gezogen bin, hatte ich mich beim Generalkonsulat in Montreal angemolden. Aufgrund der Hinterlegung meines Heimatscheines weiss zwar unser Verteidigungsminister und Bundespräsident Ueli Maurer wo ich mich verstecke, dafür aber bekomme ich auch die eidgenössischen Abstimmungsunterlagen zugesendet und kann von Toronto aus über Lohnunterschiede, Steuerabzüge und Autobahnvignetten entscheiden. Yes or No?
Übrigens: Mitbestimmen bei politischen Angelegenheiten ist ein Recht, dass nicht überall selbstverständlich ist. In Kanada gibt es etwa alle zwei bis drei Jahre eine Abstimmung, bei dem die Bevölkerung zur Urne gebeten wird. Das letzte grosse Referendum war 1995 über die Unabhängigkeit der Provinz Quebec und wurde mit 50,5% Nein-Stimmen nur knapp abgelehnt. Die Stimmbeteiligung betrug über 90%. Ansonsten entscheidet das Unterhaus und der Senat. Kanada ist ein demokratischer Bundesstaat mit einer parlamentarische Monarchie. Staatsoberhaupt ist eigentilch die Königin Elisabeth II. von England. Jedoch wird sich durch den Generalgouverneur vertreten, der auch sämtliche Befehlsrechte der Streitkräfte besitzt.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Feuerwehr Toronto

Ich hatte die Gelegenheit einen Einblick in die Berufsfeuerwehr Toronto zu bekommen. Es war eigentlich eine Ausstellung für Kinder. Mit Schminken, Basteln und Geschichten erzählen und so. Doch es gab auch für mich einige spannende Dinge zu entdecken und die Arbeit als Feuerwehrmann in einer Grossstadt mit mehreren Millionen Einwohnern kennenzulernen. Und dabei natürlich auch die eigene Feuerwehr zu vertreten.
Billy hat sich als Rettungssanitäter immer über die Feuerwehr lustig gemacht. So werden sie auch oftmals Hosemonkeys genannt, was soviel wie Schlauchaffen bedeutet. Ich verteidigte die Feuerwehr natürlich stets. Doch nach einem Gespräch mit einer Feuerwehrfrau konnte ich Billys Ansicht verstehen und realisierte, wieso das Image der Feuerwehr hier nicht so toll ist.

Als Angehöriger der Feuerwehr arbeitet man sieben Tage im Monat. Ja, im Monat! Es sind 24 Stunden Schichten, was im Total 168 Stunden ergibt und man demnach auf die selbe Stundenzahl kommt wie mit einem regulärer Job. Doch zwölf Stunden einer Schicht verbringt man im Bett, also bezahltes Schlafen. Ausser es gibt einen Notruf natürlich. Und die anderen zwölf Stunden sind nicht etwa hartes Training oder Kurse. Es ist mehrheitlich Herumsitzen und sich irgendwie die Zeit vertreiben. So kommt es auch, dass die meisten Feuerwehrleute nebenbei noch einen Teilzeitjob haben und mit anderthalb Einkommen und immernoch ziemlich viel Freizeit ein sehr angenehmes Leben führen.
Dazu kommt, dass die Einsätze der Feuerwehr Toronto oftmals hinterfragt werden. Denn es gibt in Toronto weniger Feuer im Jahr als bei der Feuerwehr Ehrendingen-Freienwil. Durch moderne Brandschutztechnik und strenge Sicherheitsvorschriften sind Brände in der Stadt zu einer Seltenheit geworden. Doch die Feuerwehrleute, oftmals auch selbsternannte Feuerhelden, möchten sich gerne zeigen und möglichst viele Einsätze haben. So wurde die Feuerwehr zu jedem medizinischen Notruf aufgeboten. Das heisst, sobald jemand die Ambulanz anfordert, erschien auch ein Feuerwehrauto mit Besatzung. Und hier spreche ich nicht von einem kleinen Einsatzfahrzeug mit zwei Mann. Ein Lastwagen mit Drehleiter, fünf Mann Besatzung mit Atemschutz und Pionierwerkzeug. Zur Unterstützung der Rettungssanitäter bei einer Herzattacke eines alten Mannes, einer Überdosis Heroin oder einem gebrochenem Arm. Dies störte neben dem Steuerzahler auch die Sanitäter, denn in den meisten Fällen schicken sie die Feuerwehr freundlich wieder zurück. Diese ganze Notrufsituation befindet sich momentan im Wandel, mit erheblichem Widerstand von Seite der Feuerwehr. Denn dies bedeutet mehr Wartezeit und weniger Einsätze.
Neben all dem politischen Getue ist es aber dennoch spannend, wie die Organisation der Feuerwehr in einer solchen grossen Stadt aufgebaut ist. Es gibt relativ viele Feuerwehrstationen, jeweils aber nur mit einem bis zwei Einsatzfahrzeugen. Der Schichtplan ist so aufgebaut, dass immer die gleichen Leute zusammenarbeiten und bei Stationen mit mehreren Fahrzeugen wechseln die Teams monatlich die Fahrzeuge untereinander. Abgesehen von den medizinischen Notrufen gehören Verkehrsunfälle sicher zu der häufigsten Einsatzarten. Hier ist die Wichtigkeit auch unbestritten und durch die vielen Stationen ist immer Hilfe in kurzer Zeit vor Ort.

Löschfahrzeug: Steuerkasten der Pumpe

Atemschutz: Sitze mit Gerätehalterung


Übungshaus: Leiterstellung, Abseilen, Sicherung

Kommandofahrzeug: Mit viel Technik ausgestattet ...
Drehleiter: Bis zu 32 Meter Höhe
... die eine Umgebungsüberwachung beinhaltet.

Beifahrer: Laptop für Einsatzangaben

















Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Werkstatt

Einen Rundgang durch die Werkstatt in Kanada ...

Total bietet die Halle platz für 22 Lastwagen. Diese sogenannten Bays werden je nachdem für bestimmte Arbeiten bevorzugt. Die Aufteilung mit den Anzahl Plätzen (in Klammern) stellt sich wie folgt zusammen:

Triage (1); Diagnose, meistens bei Notfällen.
Rapid Repair (4); Reparaturen bis maximal 2-3 Stunden oder Diagnose
Grube (1); Ölwechsel und damit verbundenen Servicearbeiten.
Bays (15); Standplätze für sämtliche Arbeiten am ganzen Fahrzeug.
Washbay (1); Motoren- und Fahrzeugreinigung

Im Betrieb sind keine Lifte vorhanden und auch keine mobilen Hebeböcke, mit denen ein Lastwagen komplett angehoben werden könnte. Es gibt aber zwei kleine pneumatische Hebeböcke, die es erlauben, eine Achse um etwa einen halben Meter anzuheben.
Diese Tatsache macht das Liegebrett zu einem wertvollem Hilfsmittel und es handelt sich nur um eine Frage der Zeit, bis man sich daran gewohnt hat. Die fehlenden Gruben haben eine Gesetzesangelegenheit zur Ursache. Es scheint viele Unfälle gegeben zu haben und so sind Gruben nur limitiert erlaubt oder einfach keine gerngesehene Sache. Dies wurde mir jedenfalls so von anderen Mechanikern erzählt. Es können selbstverständlich sämtliche Arbeiten genauso ohne Grube oder Lift erledigt werden. Es wäre jedoch vorallem für schnelle Inspektionen der Fahrzeuge sicher die angenehmere Variante. Doch da gibt es nur eine Lösung: Bauch einziehen und durch!
Umso praktischer dafür sind die Wasseranschlüsse. Neben den Luft- anschlüssen hat es auch mehrere Leitungen mit Wasserdruck. So hat man eine Art Zentralhochdruckreininger, was für die Reinigung der Bay sehr nützlich ist.


Meine Tool Box: Eine der kleineren Varianten
Mein Werkzeugwagen, dem in Kanada übrigens niemand Boy sagen würde so wie es in der Schweiz teilweise üblich ist, hat ganz andere Ausmasse als in der alten Heimat. Hier muss sich jeder Mechaniker um sein eigenes Werkzeug kümmern. Und dabei handelt es sich nicht nur um einen Rätschensatz und zwei Gabelschlüssel. Da der Betrieb nur wenig Spezialwerkzeug zur Verfügung stellt, bezahlt der Mechaniker hier von der gehärteten 46mm Nuss über die Filterzange bis zum Refraktometer fast alles aus eigener Hand. In den mobilen Werkzeugkisten stecken deshalb oftmals über 10'000.- Franken. Da ich diese Arbeit hier in Kanada nur für eine bestimmte Zeit ausüben werde, wollte ich mir genau überlegen in was ich mein Geld investiere. So muss ich zwar oftmals Dinge von anderen Mitarbeitern borgen, jedoch kann ich die Ausgaben etwas einschränken. Immerhin hat mich mein Arbeitswerkzeug bis zum heutigen Tag schon 3'700.- Kanadische Dollar gekostet, das sind über 3'200.- Schweizer Franken. Ohne die grosszügigen Geschenke zu meinem Abschied wäre es noch viel mehr! Das Werkzeug habe ich zum Teil gebraucht online, neu im Fachgeschäft oder direkt beim Hersteller gekauft. Denn wöchentlich kommen die Verkäufer mit ihrem Lieferwagen voller Werkzeuge direkt beim Betrieb vorbei und verkaufen ihre Produkte. Hier kann man vorallem bei Aktionen sehr gute Geschäfte machen. Ebenfalls gibt es ganze Werkzeugshows, an denen eine riesige Auswahl zu guten Preisen ausgestellt wird.


Toolshow: Ein Männertraum und Shoppingparadies


Wie im Bericht Anfangsschwierigkeiten erwähnt, spielt der Faktor Zeit ein grosse Rolle. Die Präsenzzeit wird noch ganz altmodisch erfasst. Bei Arbeitsbeginn, für die Mittagspause und bei Arbeitsende stempelt die Maschine das Zeitblatt. Momentan arbeite ich noch jeweils Montag bis Freitag von sieben Uhr morgens bis halb fünf Uhr nachmittags, wobei von zwölf bis halb eins Uhr die unbezahlte Mittagspause ist und jeweils um neun Uhr und um zwei Uhr eine kurze Kaffeepause gemacht wird. Später werde ich dann in den dreiwöchigen Schichtrythmus eingeteilt. Das heisst die erste Woche wie zu den erwähnten Zeiten arbeiten, dann ein langes Wochenende dafür von Dienstag bis Samstag tagsüber arbeiten und in der dritten Woche Abendschicht von Montag bis Freitag von halb fünf nachmittags bis zwei Uhr morgens. Neben der Präsenzzeit muss aber auch für jeden Arbeitsauftrag gestempelt werden. Dies wird am Computer gemacht. Neu für mich ist, dass nicht nur auf einen Auftrag gestempelt wird, sondern dass jeder einzelne Arbeitsauftrag auch einzeln verbucht wird. Muss ich also bei einem Kunden den Ölservice durchführen, den Rückspiegel ersetzen und das Ventilspiel einstellen, so muss ich die Zeiten für jede Arbeit auch separat erfassen. Dasselbe gilt für die Verbuchung der Ersatzteile, damit der Kunde auf der Rechnung genau sieht, für welche Arbeiten die bestellten Teile gebraucht wurden.


Das Mechanikerteam ist ein ziemlicher Kulturenmix und so sind die 30 Minuten in der Mittagspause meistens sehr unterhaltsam und mehrsprachig. Viele der Angestellten sind ursprünglich aus Indien. Es gibt auch welche aus China, England, Spanien, Russland, Jamaika oder von den Philippinen. Und mitten im Kuchen ein Schweizer. Diese Leute sind aber fast alle in Kanada geboren und aufgewachsen. Es gibt hier keine eigentliche Einheimische, denn jeder in Toronto und Umgebung ist ein Immigrant bzw. seine Eltern oder Grosseltern. Ich spreche als bei den erwähnten Ländern von der Abstammung, denn als Nationalität sind sie Kanadier. Im selben Boot wie ich sitzt noch ein Engländer. Er ist vor zwei Jahren nach Kanada gekommen und ist ebenfalls mit einer Arbeitserlaubnis hier.
Die Hilfsbereitschaft unter den Mechanikern ist enorm. Ich wurde von Anfang an immer unterstützt. Sie nehmen sich Zeit mir alles zu erklären und bieten Hilfe an so gut sie können. Ich musste nur sagen, an welcher Arbeit ich dran bin und schon wird mir das benötigte Spezialwerkzeug angeboten. So lerne ich jeden Tag neue Tipps und Tricks, nur in Sache Geografie kann ich noch einigen Nachhilfe geben. Denn die Schweiz hat nichts mit Schweden zu tun, ist auch nicht in Holland und liegt nicht am Meer. Zudem ist sie weder grösser als Frankreich noch Teil von Ex-Jugoslawien. Die Schweiz kennen die meisten als ein Traumland in dem alles perfekt ist und keine Probleme herrschen. So verstehen nur wenige, weshalb ich von der Schweiz nach Kanada umgezogen bin.


Fotos von der Werkstatt sind auch in meinem Eintrag Mein neuer Arbeitgeber zu finden.
 

Sonntag, 6. Oktober 2013

Aller Anfang ist schwer

Schreibarbeit: Mit Freude investierte Freizeit
Nach zwei Monaten in Kanada und fünf Wochen bei Performance Equipment kann ich euch nun von meinen ersten Erfahrungen berichten. Die Nachricht, dass mehreren Leser gespannt auf den nächsten Eintrag gewartet haben und schon ungeduldig geworden sind, hat es über den Atlantik geschafft. Es freut mich sehr, dass meine Berichte auf Interesse stossen. So darf dieser Blog auch bedingungslos geteilt, vermailt, verlinkt, empfohlen, erzählt, versendet, gepostet oder vermerkt werden. Es wäre schön, wenn meine Erfahrungen zukünftigen Reisenden eine Hilfe sein können und Antworten auf Fragen bieten. Bereits bietet mein Projekt die Starthilfe für Nachahmer.
Für das lange Warten auf diesen Eintrag muss ich mich entschuldigen. Nach anstrengenden Arbeitstagen musste ich die Abende oftmals damit verbringen, irgendwelchen Versicherungen, Behörden oder Unterlagen nachzukommen. Mittlerweile habe ich mich aber ziemlich gut eingelebt und habe fast alle administrativen Angelegenheiten hinter mir. Auf diesen Beitrag werden in Kürze mindestens zwei weitere folgen. Ich werde euch gerne meinen Arbeitsplatz genau vorstellen und dann vermehrt aber ehner kürzere Beiträge über einzelne Erlebnisse verfassen.

Der Einstieg bei Volvo & Mack hat mir mehr Mühe bereitet als ich erwartet hatte. Ich war wahrscheinlich etwas falsch in die ganze Sache gestartet und hatte mich selber zu stark unter Druck gesetzt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und hier laufen viele Dinge anders. Ich wollte von Anfang an alles richtig machen und sowohl schnell wie auch qualitativ hoch arbeiten. Denn der Faktor Zeit wird stärker bewertet, als ich es mir von der Schweiz gewohnt war. Am Ende des Monats bekomme ich eine Statistik mit der Produktivität der Firma und mit meiner persönlichen zum Vergleich. Diese berechnet sich durch die von Volvo oder Mack vorgegebene Zeit für eine bestimmte Arbeit und die tatsächlich Zeit, die der Mechaniker dafür aufgewendet hatte. Ich hatte zu Beginn stets diese Produktivität im Kopf und habe dann schlussendlich durch entstandene Fehler viel Zeit verloren. So war ich zu Beginn mit meinem Tempo wie auch mit der Qualität meiner Arbeit sehr unzufrieden. Und für letzteres wurde ich während meiner Lehre bei Mercedes-Benz in Wettingen eigentlich stets gelobt. Es war eine Art Teufelskreis und ich kam frustriert von der Arbeit nach Hause. Dies war natürlich eine schlechte Voraussetzung für den nächsten Tag, was wiederum zu keinem besseren Resultat führte. Ich hatte einfach Mühe damit, zu akzeptieren, dass es nicht so gut läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Doch durch Gespräche mit der Familie in der Schweiz und der Familie in Kanada habe ich mich wieder gut aufgefangen und bin nun mit Selbstbewusstsein auf dem richtigen Weg. Die Motivation und die Freude an der Arbeit sind wieder da. Zwar ist mein Tempo im Vergleich stets noch sehr langsam, doch wenigstens stimmt meine Arbeit wieder und die Geschwindigkeit kommt von alleine mit der Routine. Ich hatte wohl einfach versucht, diese Zeit zur Routinengewinnung zu überspringen, was mit der Unzufriedenheit meiner eigenen Arbeit endete. So denke ich jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt.
Es ist nicht immer ganz einfach sich an neue Methoden zu gewöhnen, vor allem wenn sich die alten bewährt haben. Doch das ist ja auch der eigentliche Grund für das ganze Abenteuer und mein Projekt Kanada. Es geht um die Unterschiede und um die Herausforderung, mit diesen zurechtzukommen. Und ich kann es kaum erwarten, die nächste Hürde zu meistern!

Produktivität: Der Durchschnitt und die schnellsten vier Mechanikern