Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Werkstatt

Einen Rundgang durch die Werkstatt in Kanada ...

Total bietet die Halle platz für 22 Lastwagen. Diese sogenannten Bays werden je nachdem für bestimmte Arbeiten bevorzugt. Die Aufteilung mit den Anzahl Plätzen (in Klammern) stellt sich wie folgt zusammen:

Triage (1); Diagnose, meistens bei Notfällen.
Rapid Repair (4); Reparaturen bis maximal 2-3 Stunden oder Diagnose
Grube (1); Ölwechsel und damit verbundenen Servicearbeiten.
Bays (15); Standplätze für sämtliche Arbeiten am ganzen Fahrzeug.
Washbay (1); Motoren- und Fahrzeugreinigung

Im Betrieb sind keine Lifte vorhanden und auch keine mobilen Hebeböcke, mit denen ein Lastwagen komplett angehoben werden könnte. Es gibt aber zwei kleine pneumatische Hebeböcke, die es erlauben, eine Achse um etwa einen halben Meter anzuheben.
Diese Tatsache macht das Liegebrett zu einem wertvollem Hilfsmittel und es handelt sich nur um eine Frage der Zeit, bis man sich daran gewohnt hat. Die fehlenden Gruben haben eine Gesetzesangelegenheit zur Ursache. Es scheint viele Unfälle gegeben zu haben und so sind Gruben nur limitiert erlaubt oder einfach keine gerngesehene Sache. Dies wurde mir jedenfalls so von anderen Mechanikern erzählt. Es können selbstverständlich sämtliche Arbeiten genauso ohne Grube oder Lift erledigt werden. Es wäre jedoch vorallem für schnelle Inspektionen der Fahrzeuge sicher die angenehmere Variante. Doch da gibt es nur eine Lösung: Bauch einziehen und durch!
Umso praktischer dafür sind die Wasseranschlüsse. Neben den Luft- anschlüssen hat es auch mehrere Leitungen mit Wasserdruck. So hat man eine Art Zentralhochdruckreininger, was für die Reinigung der Bay sehr nützlich ist.


Meine Tool Box: Eine der kleineren Varianten
Mein Werkzeugwagen, dem in Kanada übrigens niemand Boy sagen würde so wie es in der Schweiz teilweise üblich ist, hat ganz andere Ausmasse als in der alten Heimat. Hier muss sich jeder Mechaniker um sein eigenes Werkzeug kümmern. Und dabei handelt es sich nicht nur um einen Rätschensatz und zwei Gabelschlüssel. Da der Betrieb nur wenig Spezialwerkzeug zur Verfügung stellt, bezahlt der Mechaniker hier von der gehärteten 46mm Nuss über die Filterzange bis zum Refraktometer fast alles aus eigener Hand. In den mobilen Werkzeugkisten stecken deshalb oftmals über 10'000.- Franken. Da ich diese Arbeit hier in Kanada nur für eine bestimmte Zeit ausüben werde, wollte ich mir genau überlegen in was ich mein Geld investiere. So muss ich zwar oftmals Dinge von anderen Mitarbeitern borgen, jedoch kann ich die Ausgaben etwas einschränken. Immerhin hat mich mein Arbeitswerkzeug bis zum heutigen Tag schon 3'700.- Kanadische Dollar gekostet, das sind über 3'200.- Schweizer Franken. Ohne die grosszügigen Geschenke zu meinem Abschied wäre es noch viel mehr! Das Werkzeug habe ich zum Teil gebraucht online, neu im Fachgeschäft oder direkt beim Hersteller gekauft. Denn wöchentlich kommen die Verkäufer mit ihrem Lieferwagen voller Werkzeuge direkt beim Betrieb vorbei und verkaufen ihre Produkte. Hier kann man vorallem bei Aktionen sehr gute Geschäfte machen. Ebenfalls gibt es ganze Werkzeugshows, an denen eine riesige Auswahl zu guten Preisen ausgestellt wird.


Toolshow: Ein Männertraum und Shoppingparadies


Wie im Bericht Anfangsschwierigkeiten erwähnt, spielt der Faktor Zeit ein grosse Rolle. Die Präsenzzeit wird noch ganz altmodisch erfasst. Bei Arbeitsbeginn, für die Mittagspause und bei Arbeitsende stempelt die Maschine das Zeitblatt. Momentan arbeite ich noch jeweils Montag bis Freitag von sieben Uhr morgens bis halb fünf Uhr nachmittags, wobei von zwölf bis halb eins Uhr die unbezahlte Mittagspause ist und jeweils um neun Uhr und um zwei Uhr eine kurze Kaffeepause gemacht wird. Später werde ich dann in den dreiwöchigen Schichtrythmus eingeteilt. Das heisst die erste Woche wie zu den erwähnten Zeiten arbeiten, dann ein langes Wochenende dafür von Dienstag bis Samstag tagsüber arbeiten und in der dritten Woche Abendschicht von Montag bis Freitag von halb fünf nachmittags bis zwei Uhr morgens. Neben der Präsenzzeit muss aber auch für jeden Arbeitsauftrag gestempelt werden. Dies wird am Computer gemacht. Neu für mich ist, dass nicht nur auf einen Auftrag gestempelt wird, sondern dass jeder einzelne Arbeitsauftrag auch einzeln verbucht wird. Muss ich also bei einem Kunden den Ölservice durchführen, den Rückspiegel ersetzen und das Ventilspiel einstellen, so muss ich die Zeiten für jede Arbeit auch separat erfassen. Dasselbe gilt für die Verbuchung der Ersatzteile, damit der Kunde auf der Rechnung genau sieht, für welche Arbeiten die bestellten Teile gebraucht wurden.


Das Mechanikerteam ist ein ziemlicher Kulturenmix und so sind die 30 Minuten in der Mittagspause meistens sehr unterhaltsam und mehrsprachig. Viele der Angestellten sind ursprünglich aus Indien. Es gibt auch welche aus China, England, Spanien, Russland, Jamaika oder von den Philippinen. Und mitten im Kuchen ein Schweizer. Diese Leute sind aber fast alle in Kanada geboren und aufgewachsen. Es gibt hier keine eigentliche Einheimische, denn jeder in Toronto und Umgebung ist ein Immigrant bzw. seine Eltern oder Grosseltern. Ich spreche als bei den erwähnten Ländern von der Abstammung, denn als Nationalität sind sie Kanadier. Im selben Boot wie ich sitzt noch ein Engländer. Er ist vor zwei Jahren nach Kanada gekommen und ist ebenfalls mit einer Arbeitserlaubnis hier.
Die Hilfsbereitschaft unter den Mechanikern ist enorm. Ich wurde von Anfang an immer unterstützt. Sie nehmen sich Zeit mir alles zu erklären und bieten Hilfe an so gut sie können. Ich musste nur sagen, an welcher Arbeit ich dran bin und schon wird mir das benötigte Spezialwerkzeug angeboten. So lerne ich jeden Tag neue Tipps und Tricks, nur in Sache Geografie kann ich noch einigen Nachhilfe geben. Denn die Schweiz hat nichts mit Schweden zu tun, ist auch nicht in Holland und liegt nicht am Meer. Zudem ist sie weder grösser als Frankreich noch Teil von Ex-Jugoslawien. Die Schweiz kennen die meisten als ein Traumland in dem alles perfekt ist und keine Probleme herrschen. So verstehen nur wenige, weshalb ich von der Schweiz nach Kanada umgezogen bin.


Fotos von der Werkstatt sind auch in meinem Eintrag Mein neuer Arbeitgeber zu finden.
 

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