Samstag, 28. Dezember 2013

Der Eissturm

Nachdem unser Bürgermeister weltweit für Schlagzeilen sorgte, zog Toronto am 22. Dezember 2013 wieder die Aufmerksamkeit der Presse aus aller Welt auf sich. Eine kalte Nacht mit starkem Eisregen fegte über die Stadt und sorgte für Chaos. Nach dem Weihnachtsfest von Sarahs Familie in Cambridge habe ich am nächsten Morgen mein Auto mit einer dicken Eisschicht überzogen vorgefunden. Vom Pneu bis zur Antennenspitze, vom Kühlergrill bis zum Kofferraumdeckel, alles war eingepackt in einer nahtlosen Eisglasur. Wenige Stunden zuvor packte ich noch munter Geschenke aus, da kratze ich nun fleissig die Eiszapfen vom Rückspiegel. Während der Motor von innen wärmte, hackte ich mit dem Scheibenkratzer auf der fast zentimeterdicke Folge einer Naturgewalt herum. Doch nach einer gute halben Stunde und zwei müden Armen später war mein Mazda wieder startklar.

Die eigentlichen Ausmasse des Sturmes wurden mir aber erst auf dem Heimweg nach Toronto bewusst. Als bereits die erste Strasse meines Weges von einem umgeknickten Baum blockiert war, wurde mir klar, dass dies wohl erst der Anfang eines langen Tages sein würde.
Die Autobahn war nur dürftig gepfadet, die Seitenstrassen kaum. Und in den Nachrichten wurden erste Zahlen zu den Sturmfolgen bekannt: 350'000 Haushalte in Toronto und Umgebung ohne Strom, ganze Viertel seien vom Ausfall betroffen. Manche Strassen waren aufgrund dunkeln Ampeln verstopft und im Radio wurde wiederholt informiert, dass diese Kreuzungen aus allen Richtungen als Stop angesehen werden müssen. Während der ganzen Heimfahrt sah ich Bäume am Boden und Autos in den Strassengräben. Sicherlich ein guter Geschäftstag für die Abschleppdienste und Pannenhilfen.


Doch ich meisterte die 100 Kilometer Fahrt an sich ohne grössere Probleme und kam sicher zu Hause an. Das Bild meiner Strasse hatte sich aber ziemlich verändert. Bäume krachten unter der schweren Last zusammen und rissen die oberirdischen Stromleitungen mit sich. So hing die die Zuleitung meines Nachbarns auf einem geparkten Transporter. Die Strasse war von der Polizei gesperrt worden. Ich konnte jedoch in ein beleuchtetes Zuhause zurückkehren. Als ich gerade eine SMS verschickte, dass bei mir alles ok war, erloschen plötzlich die elektrischen Kerzen unseres Weihnachtsbaumes und der Fernseher wechselte auf Dauerschwarz. Die geknickten Äste drückten die Stromleitungen zusammen und sorgten für ein kleines Feuerwerk. Funken sprühten zwischen den Leitungen und auf einen lauten Knall folgte ein leises Knistern der Äste. Und nur wenig später heulten von Weitem Sirenen und die Feuerwehr erschien gleich mit mehreren Fahrzeugen. Die Hiawatha Road verwandelte sich in Kürze von einer ruhigen Quartierstrasse zu einem Schauspielplatz à la Hollywood. Verwunderte Gesichter waren an jeder Haustüre zu sehen, denn kein Strom bedeutet auch keine Heizung. Dass dies um die Jahreszeit so manche Probleme mit sich bringen kann ist wohl einleuchtend und so möchten alle wissen, was der Stand der Dinge ist. Der Ast brannte zwar nicht mehr, doch konnte die Feuerwehr aus Sicherheitsgründen nichts Weiteres unternehmen und hatte sich auf den Weg zum nächsten Einsatzort gemacht. So schnell wie sich alles entwickelt hatte, so schnell war es auch wieder still in der Nachbarschaft.




Stromlos: Znacht bei Kerzenlicht
Nun war es also dunkel in der Strasse und wir begannen uns auf eine kühle Nacht vorzubereiten. Während Claire voller Freude mit ihrer Tigertaschenlampe im Haus herumrannte, versuchte Sarah ein möglichst feines Abendessen aufzutischen und den kranken Will zu versorgen. So sassen wir alle gemütlich bei Kerzenlicht am Tisch und machten das Beste aus der Situation. Die Kinder bekamen eine extra Decke und ich behielt für diese Nacht meine Socken an. In den Nachrichten wurde gesagt, wir müssten mit 72 Stunden ohne Strom rechnen, doch es werde keinen Notstand erklärt. Dies hat möglicherweise auch damit zu tun, dass dem Bürgermeister Rob Ford nach seinem Drogenskandal sämtliche Macht im Falle eines Notstandes vom Stadtrat entzogen wurde. Er hätte im Krisenfall fast nichts mehr zu entscheiden.

In der Nacht war es weniger kalt geworden als ich befürchtet hatte. Obwohl die Häuser hier eher schlecht isoliert sind, blieb ein Teil der Wärme bis am nächsten Morgen im Haus. Ein Besuch im nahegelegenen Einkaufzentrum, eine Art Coop Bau+Hobby, zeigte mir, dass nur wenige auf eine solche Situation vorbereitet waren. Ein Mitarbeiter erklärte, dass sämtliche Salzsäcke, Stromgeneratoren und Gasheizkörper ausverkauft seien. Ein Blick zum Taschenlampenregal bestätigte den Ansturm und ich war froh, nur eine Kleinigkeit für mich besorgen zu müssen.

Bevor ich am Montag für meine Nachtschicht zur Arbeit aufbrach, waren bereits Arbeiter der städtischen Elektrizitätsfirma in unserer Strasse am Werk. Glücklicherweise stand unser Quartier ziemlich weit oben auf der Liste und die Leitungen wurden noch am selben Tag von den Ästen befreit, die heruntergerissenen Kabel abgetrennt und das Quartier wieder dem Stromnetz angeschlossen. So lief die Heizung bei uns nach gut 24 Stunden bereits wieder und nur die Bewohner von zwei Häuser in der Strasse, bei denen der Masten der Zuleitung zusammenbrach, müssen noch ohne Strom ausharren. Denn in diesem Falle müssen Elektriker zuerst einen neuen Anschluss installieren, welcher auch noch inspiziert und abgenommen werden muss. Solange muss ein Verlängerungskabel von unserem Haus und ein elektrischer Heizkörper ihre Dienste tun. Doch die Kanadier sind hart im Nehmen.


Eislandschaft: Neben den negativen Folgen bietet sich dafür eine märchenhaft glänzende Landschaft

Montag, 4. November 2013

Meine neue Benzinkutsche

Um meinen Arbeitsweg zu bestreiten, bin ich auf die grossartige Erfindung von Carl Benz aus dem Jahre 1886 angewiesen. Von meinem VW Golf loszulassen viel mir schwer, so war er stets ein treuer Begleiter und hat mich nie im Stich gelassen. Naja also fast nie. Das Aargauer Kontrollschild ist beim Strassenverkehrsamt abgegeben und mein kanadisches Nummernschild ziert einen zehnjährigen Mazda Protege 5. Von denen gibt es hier etwa so viele wie bei uns Käse im Fondue, denn sie sind relativ günstig zu kaufen und punkten mit geringem Benzinverbrauch. Mit nur 110'000 km beim Kauf erhoffe ich mir einen Wiederverkaufswert wenn die Zeit der Ab- oder Weiterreise gekommen ist. Denn bei 40 Kilometer Arbeitsweg bleibt der Zähler nicht gerade stehen.

Der Verkehr war für mich ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig. So sind die Kanadier ein freundliches und offenes Volk, was sie jedoch definitiv nicht mit hinter das Steuer nehmen. Einspurstrecken auf der Autobahn werden zum rechtsüberholen benutzt, zwei Meter Abstand ist mehr als genug und vorausschauendes Fahren wird oftmals durch den ständigen Wechsel zwischen Gas- und Bremspedal ersetzt. Doch wie bei all meinen Vergleichen spreche ich hier natürlich von der auffalenden Mehrheit. Es gibt auch die ganz anständigen Strassenbenutzer so wie ich einer bin und immer war.
Die morgentlichen 40 Kilometer lege ich in gut 30 Minuten zurück, da die Strassen um sechs Uhr früh noch nicht verstopft sind. Nach Feierabend sitze ich aber gut und gerne bis zu über einer Stunde im Auto. Von Wettingen nach Ehrendingen waren es noch 15 Minuten. Aber man kann nicht alles haben und der Verkehr gehört nun mal zu einer Grossstadt.

 

Trennung: Am 26. Juli 2013 hiess es adiéu AG 455 463

Samstag, 2. November 2013

Immigration beendet

Die Arbeitsbewilligung
Mit der Post vom 1. November habe ich mein letztes Dokument meiner Immigration in Kanada erhalten. Es ist die Health Card, die Krankenkassen- karte von der Provinz Ontario. Es war die aufwändigste Beschaffung aller notwendigen Unterlagen und symbolisiert so für mich einen befriedigenden Abschluss meines Immigrationsprozesses. Nach dem Ablauf der zwei- monatigen Frist seit Arbeitsbeginn bin ich also nun ab dem 3. November in Kanada staatlich krankenversichert und habe das Recht, jeder Zeit einen beliebigen Arzt aufzusuchen. Ich sehe in diesem System unglaublich viele Vorteile gegenüber unserem Versicherungskrieg in der Schweiz. Wir wissen ja nie, ob wir nun nicht doch überversichert sind oder einfach zu viel bezahlen. Denn der Arbeitskollege hat ja immer die bessere Police und der jährliche Prämienvergleich gehört nicht zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen.
Da meine schweizerische Krankenversicherung aber nur bis Ende Oktober lief, bin ich nun für zwei Tage ohne eigentliche private Versicherung und so müsste ich bei einem Knochenbruch mit dem Spitalbesuch wohl bis Sonntagmorgen früh warten. Hoffen wir nun mal, dass ich diesen Samstag noch unbeschadet überstehe. Und sonst sind da ja noch Billy und Sarah, ein Rettungssanitäter und eine Krankenschwester. Was kann mir da schon passieren?

 Die wichtigsten Vier: Bankkonto, Krankenkasse, Führerschein und Sozialverischerung



Dienstag, 22. Oktober 2013

Auslandschweizer

Als ich im August nach Toronto gezogen bin, hatte ich mich beim Generalkonsulat in Montreal angemolden. Aufgrund der Hinterlegung meines Heimatscheines weiss zwar unser Verteidigungsminister und Bundespräsident Ueli Maurer wo ich mich verstecke, dafür aber bekomme ich auch die eidgenössischen Abstimmungsunterlagen zugesendet und kann von Toronto aus über Lohnunterschiede, Steuerabzüge und Autobahnvignetten entscheiden. Yes or No?
Übrigens: Mitbestimmen bei politischen Angelegenheiten ist ein Recht, dass nicht überall selbstverständlich ist. In Kanada gibt es etwa alle zwei bis drei Jahre eine Abstimmung, bei dem die Bevölkerung zur Urne gebeten wird. Das letzte grosse Referendum war 1995 über die Unabhängigkeit der Provinz Quebec und wurde mit 50,5% Nein-Stimmen nur knapp abgelehnt. Die Stimmbeteiligung betrug über 90%. Ansonsten entscheidet das Unterhaus und der Senat. Kanada ist ein demokratischer Bundesstaat mit einer parlamentarische Monarchie. Staatsoberhaupt ist eigentilch die Königin Elisabeth II. von England. Jedoch wird sich durch den Generalgouverneur vertreten, der auch sämtliche Befehlsrechte der Streitkräfte besitzt.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Feuerwehr Toronto

Ich hatte die Gelegenheit einen Einblick in die Berufsfeuerwehr Toronto zu bekommen. Es war eigentlich eine Ausstellung für Kinder. Mit Schminken, Basteln und Geschichten erzählen und so. Doch es gab auch für mich einige spannende Dinge zu entdecken und die Arbeit als Feuerwehrmann in einer Grossstadt mit mehreren Millionen Einwohnern kennenzulernen. Und dabei natürlich auch die eigene Feuerwehr zu vertreten.
Billy hat sich als Rettungssanitäter immer über die Feuerwehr lustig gemacht. So werden sie auch oftmals Hosemonkeys genannt, was soviel wie Schlauchaffen bedeutet. Ich verteidigte die Feuerwehr natürlich stets. Doch nach einem Gespräch mit einer Feuerwehrfrau konnte ich Billys Ansicht verstehen und realisierte, wieso das Image der Feuerwehr hier nicht so toll ist.

Als Angehöriger der Feuerwehr arbeitet man sieben Tage im Monat. Ja, im Monat! Es sind 24 Stunden Schichten, was im Total 168 Stunden ergibt und man demnach auf die selbe Stundenzahl kommt wie mit einem regulärer Job. Doch zwölf Stunden einer Schicht verbringt man im Bett, also bezahltes Schlafen. Ausser es gibt einen Notruf natürlich. Und die anderen zwölf Stunden sind nicht etwa hartes Training oder Kurse. Es ist mehrheitlich Herumsitzen und sich irgendwie die Zeit vertreiben. So kommt es auch, dass die meisten Feuerwehrleute nebenbei noch einen Teilzeitjob haben und mit anderthalb Einkommen und immernoch ziemlich viel Freizeit ein sehr angenehmes Leben führen.
Dazu kommt, dass die Einsätze der Feuerwehr Toronto oftmals hinterfragt werden. Denn es gibt in Toronto weniger Feuer im Jahr als bei der Feuerwehr Ehrendingen-Freienwil. Durch moderne Brandschutztechnik und strenge Sicherheitsvorschriften sind Brände in der Stadt zu einer Seltenheit geworden. Doch die Feuerwehrleute, oftmals auch selbsternannte Feuerhelden, möchten sich gerne zeigen und möglichst viele Einsätze haben. So wurde die Feuerwehr zu jedem medizinischen Notruf aufgeboten. Das heisst, sobald jemand die Ambulanz anfordert, erschien auch ein Feuerwehrauto mit Besatzung. Und hier spreche ich nicht von einem kleinen Einsatzfahrzeug mit zwei Mann. Ein Lastwagen mit Drehleiter, fünf Mann Besatzung mit Atemschutz und Pionierwerkzeug. Zur Unterstützung der Rettungssanitäter bei einer Herzattacke eines alten Mannes, einer Überdosis Heroin oder einem gebrochenem Arm. Dies störte neben dem Steuerzahler auch die Sanitäter, denn in den meisten Fällen schicken sie die Feuerwehr freundlich wieder zurück. Diese ganze Notrufsituation befindet sich momentan im Wandel, mit erheblichem Widerstand von Seite der Feuerwehr. Denn dies bedeutet mehr Wartezeit und weniger Einsätze.
Neben all dem politischen Getue ist es aber dennoch spannend, wie die Organisation der Feuerwehr in einer solchen grossen Stadt aufgebaut ist. Es gibt relativ viele Feuerwehrstationen, jeweils aber nur mit einem bis zwei Einsatzfahrzeugen. Der Schichtplan ist so aufgebaut, dass immer die gleichen Leute zusammenarbeiten und bei Stationen mit mehreren Fahrzeugen wechseln die Teams monatlich die Fahrzeuge untereinander. Abgesehen von den medizinischen Notrufen gehören Verkehrsunfälle sicher zu der häufigsten Einsatzarten. Hier ist die Wichtigkeit auch unbestritten und durch die vielen Stationen ist immer Hilfe in kurzer Zeit vor Ort.

Löschfahrzeug: Steuerkasten der Pumpe

Atemschutz: Sitze mit Gerätehalterung


Übungshaus: Leiterstellung, Abseilen, Sicherung

Kommandofahrzeug: Mit viel Technik ausgestattet ...
Drehleiter: Bis zu 32 Meter Höhe
... die eine Umgebungsüberwachung beinhaltet.

Beifahrer: Laptop für Einsatzangaben

















Mittwoch, 9. Oktober 2013

Die Werkstatt

Einen Rundgang durch die Werkstatt in Kanada ...

Total bietet die Halle platz für 22 Lastwagen. Diese sogenannten Bays werden je nachdem für bestimmte Arbeiten bevorzugt. Die Aufteilung mit den Anzahl Plätzen (in Klammern) stellt sich wie folgt zusammen:

Triage (1); Diagnose, meistens bei Notfällen.
Rapid Repair (4); Reparaturen bis maximal 2-3 Stunden oder Diagnose
Grube (1); Ölwechsel und damit verbundenen Servicearbeiten.
Bays (15); Standplätze für sämtliche Arbeiten am ganzen Fahrzeug.
Washbay (1); Motoren- und Fahrzeugreinigung

Im Betrieb sind keine Lifte vorhanden und auch keine mobilen Hebeböcke, mit denen ein Lastwagen komplett angehoben werden könnte. Es gibt aber zwei kleine pneumatische Hebeböcke, die es erlauben, eine Achse um etwa einen halben Meter anzuheben.
Diese Tatsache macht das Liegebrett zu einem wertvollem Hilfsmittel und es handelt sich nur um eine Frage der Zeit, bis man sich daran gewohnt hat. Die fehlenden Gruben haben eine Gesetzesangelegenheit zur Ursache. Es scheint viele Unfälle gegeben zu haben und so sind Gruben nur limitiert erlaubt oder einfach keine gerngesehene Sache. Dies wurde mir jedenfalls so von anderen Mechanikern erzählt. Es können selbstverständlich sämtliche Arbeiten genauso ohne Grube oder Lift erledigt werden. Es wäre jedoch vorallem für schnelle Inspektionen der Fahrzeuge sicher die angenehmere Variante. Doch da gibt es nur eine Lösung: Bauch einziehen und durch!
Umso praktischer dafür sind die Wasseranschlüsse. Neben den Luft- anschlüssen hat es auch mehrere Leitungen mit Wasserdruck. So hat man eine Art Zentralhochdruckreininger, was für die Reinigung der Bay sehr nützlich ist.


Meine Tool Box: Eine der kleineren Varianten
Mein Werkzeugwagen, dem in Kanada übrigens niemand Boy sagen würde so wie es in der Schweiz teilweise üblich ist, hat ganz andere Ausmasse als in der alten Heimat. Hier muss sich jeder Mechaniker um sein eigenes Werkzeug kümmern. Und dabei handelt es sich nicht nur um einen Rätschensatz und zwei Gabelschlüssel. Da der Betrieb nur wenig Spezialwerkzeug zur Verfügung stellt, bezahlt der Mechaniker hier von der gehärteten 46mm Nuss über die Filterzange bis zum Refraktometer fast alles aus eigener Hand. In den mobilen Werkzeugkisten stecken deshalb oftmals über 10'000.- Franken. Da ich diese Arbeit hier in Kanada nur für eine bestimmte Zeit ausüben werde, wollte ich mir genau überlegen in was ich mein Geld investiere. So muss ich zwar oftmals Dinge von anderen Mitarbeitern borgen, jedoch kann ich die Ausgaben etwas einschränken. Immerhin hat mich mein Arbeitswerkzeug bis zum heutigen Tag schon 3'700.- Kanadische Dollar gekostet, das sind über 3'200.- Schweizer Franken. Ohne die grosszügigen Geschenke zu meinem Abschied wäre es noch viel mehr! Das Werkzeug habe ich zum Teil gebraucht online, neu im Fachgeschäft oder direkt beim Hersteller gekauft. Denn wöchentlich kommen die Verkäufer mit ihrem Lieferwagen voller Werkzeuge direkt beim Betrieb vorbei und verkaufen ihre Produkte. Hier kann man vorallem bei Aktionen sehr gute Geschäfte machen. Ebenfalls gibt es ganze Werkzeugshows, an denen eine riesige Auswahl zu guten Preisen ausgestellt wird.


Toolshow: Ein Männertraum und Shoppingparadies


Wie im Bericht Anfangsschwierigkeiten erwähnt, spielt der Faktor Zeit ein grosse Rolle. Die Präsenzzeit wird noch ganz altmodisch erfasst. Bei Arbeitsbeginn, für die Mittagspause und bei Arbeitsende stempelt die Maschine das Zeitblatt. Momentan arbeite ich noch jeweils Montag bis Freitag von sieben Uhr morgens bis halb fünf Uhr nachmittags, wobei von zwölf bis halb eins Uhr die unbezahlte Mittagspause ist und jeweils um neun Uhr und um zwei Uhr eine kurze Kaffeepause gemacht wird. Später werde ich dann in den dreiwöchigen Schichtrythmus eingeteilt. Das heisst die erste Woche wie zu den erwähnten Zeiten arbeiten, dann ein langes Wochenende dafür von Dienstag bis Samstag tagsüber arbeiten und in der dritten Woche Abendschicht von Montag bis Freitag von halb fünf nachmittags bis zwei Uhr morgens. Neben der Präsenzzeit muss aber auch für jeden Arbeitsauftrag gestempelt werden. Dies wird am Computer gemacht. Neu für mich ist, dass nicht nur auf einen Auftrag gestempelt wird, sondern dass jeder einzelne Arbeitsauftrag auch einzeln verbucht wird. Muss ich also bei einem Kunden den Ölservice durchführen, den Rückspiegel ersetzen und das Ventilspiel einstellen, so muss ich die Zeiten für jede Arbeit auch separat erfassen. Dasselbe gilt für die Verbuchung der Ersatzteile, damit der Kunde auf der Rechnung genau sieht, für welche Arbeiten die bestellten Teile gebraucht wurden.


Das Mechanikerteam ist ein ziemlicher Kulturenmix und so sind die 30 Minuten in der Mittagspause meistens sehr unterhaltsam und mehrsprachig. Viele der Angestellten sind ursprünglich aus Indien. Es gibt auch welche aus China, England, Spanien, Russland, Jamaika oder von den Philippinen. Und mitten im Kuchen ein Schweizer. Diese Leute sind aber fast alle in Kanada geboren und aufgewachsen. Es gibt hier keine eigentliche Einheimische, denn jeder in Toronto und Umgebung ist ein Immigrant bzw. seine Eltern oder Grosseltern. Ich spreche als bei den erwähnten Ländern von der Abstammung, denn als Nationalität sind sie Kanadier. Im selben Boot wie ich sitzt noch ein Engländer. Er ist vor zwei Jahren nach Kanada gekommen und ist ebenfalls mit einer Arbeitserlaubnis hier.
Die Hilfsbereitschaft unter den Mechanikern ist enorm. Ich wurde von Anfang an immer unterstützt. Sie nehmen sich Zeit mir alles zu erklären und bieten Hilfe an so gut sie können. Ich musste nur sagen, an welcher Arbeit ich dran bin und schon wird mir das benötigte Spezialwerkzeug angeboten. So lerne ich jeden Tag neue Tipps und Tricks, nur in Sache Geografie kann ich noch einigen Nachhilfe geben. Denn die Schweiz hat nichts mit Schweden zu tun, ist auch nicht in Holland und liegt nicht am Meer. Zudem ist sie weder grösser als Frankreich noch Teil von Ex-Jugoslawien. Die Schweiz kennen die meisten als ein Traumland in dem alles perfekt ist und keine Probleme herrschen. So verstehen nur wenige, weshalb ich von der Schweiz nach Kanada umgezogen bin.


Fotos von der Werkstatt sind auch in meinem Eintrag Mein neuer Arbeitgeber zu finden.
 

Sonntag, 6. Oktober 2013

Aller Anfang ist schwer

Schreibarbeit: Mit Freude investierte Freizeit
Nach zwei Monaten in Kanada und fünf Wochen bei Performance Equipment kann ich euch nun von meinen ersten Erfahrungen berichten. Die Nachricht, dass mehreren Leser gespannt auf den nächsten Eintrag gewartet haben und schon ungeduldig geworden sind, hat es über den Atlantik geschafft. Es freut mich sehr, dass meine Berichte auf Interesse stossen. So darf dieser Blog auch bedingungslos geteilt, vermailt, verlinkt, empfohlen, erzählt, versendet, gepostet oder vermerkt werden. Es wäre schön, wenn meine Erfahrungen zukünftigen Reisenden eine Hilfe sein können und Antworten auf Fragen bieten. Bereits bietet mein Projekt die Starthilfe für Nachahmer.
Für das lange Warten auf diesen Eintrag muss ich mich entschuldigen. Nach anstrengenden Arbeitstagen musste ich die Abende oftmals damit verbringen, irgendwelchen Versicherungen, Behörden oder Unterlagen nachzukommen. Mittlerweile habe ich mich aber ziemlich gut eingelebt und habe fast alle administrativen Angelegenheiten hinter mir. Auf diesen Beitrag werden in Kürze mindestens zwei weitere folgen. Ich werde euch gerne meinen Arbeitsplatz genau vorstellen und dann vermehrt aber ehner kürzere Beiträge über einzelne Erlebnisse verfassen.

Der Einstieg bei Volvo & Mack hat mir mehr Mühe bereitet als ich erwartet hatte. Ich war wahrscheinlich etwas falsch in die ganze Sache gestartet und hatte mich selber zu stark unter Druck gesetzt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und hier laufen viele Dinge anders. Ich wollte von Anfang an alles richtig machen und sowohl schnell wie auch qualitativ hoch arbeiten. Denn der Faktor Zeit wird stärker bewertet, als ich es mir von der Schweiz gewohnt war. Am Ende des Monats bekomme ich eine Statistik mit der Produktivität der Firma und mit meiner persönlichen zum Vergleich. Diese berechnet sich durch die von Volvo oder Mack vorgegebene Zeit für eine bestimmte Arbeit und die tatsächlich Zeit, die der Mechaniker dafür aufgewendet hatte. Ich hatte zu Beginn stets diese Produktivität im Kopf und habe dann schlussendlich durch entstandene Fehler viel Zeit verloren. So war ich zu Beginn mit meinem Tempo wie auch mit der Qualität meiner Arbeit sehr unzufrieden. Und für letzteres wurde ich während meiner Lehre bei Mercedes-Benz in Wettingen eigentlich stets gelobt. Es war eine Art Teufelskreis und ich kam frustriert von der Arbeit nach Hause. Dies war natürlich eine schlechte Voraussetzung für den nächsten Tag, was wiederum zu keinem besseren Resultat führte. Ich hatte einfach Mühe damit, zu akzeptieren, dass es nicht so gut läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Doch durch Gespräche mit der Familie in der Schweiz und der Familie in Kanada habe ich mich wieder gut aufgefangen und bin nun mit Selbstbewusstsein auf dem richtigen Weg. Die Motivation und die Freude an der Arbeit sind wieder da. Zwar ist mein Tempo im Vergleich stets noch sehr langsam, doch wenigstens stimmt meine Arbeit wieder und die Geschwindigkeit kommt von alleine mit der Routine. Ich hatte wohl einfach versucht, diese Zeit zur Routinengewinnung zu überspringen, was mit der Unzufriedenheit meiner eigenen Arbeit endete. So denke ich jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt.
Es ist nicht immer ganz einfach sich an neue Methoden zu gewöhnen, vor allem wenn sich die alten bewährt haben. Doch das ist ja auch der eigentliche Grund für das ganze Abenteuer und mein Projekt Kanada. Es geht um die Unterschiede und um die Herausforderung, mit diesen zurechtzukommen. Und ich kann es kaum erwarten, die nächste Hürde zu meistern!

Produktivität: Der Durchschnitt und die schnellsten vier Mechanikern


Montag, 26. August 2013

Algonquin Provincial Park


Während wir Schweizer oftmals im Sommer nach Griechenland fliegen oder die Ferien in Ägypten verbringen, gibt es bei den Kanadiern eigentlich nur eines: Camping!

Egal ob Teenager, Senioren oder ganze Familien mit Kleinkindern, die meisten geniessen ihren Urlaub am Campingfeuer. So durften auch ich die Gelegenheit nutzen und mit der Familie Young in den Norden fahren. Das Ziel war der Campingplatz am Rock Lake im Algonquin Park. Ein Nationalpark in Ontario der etwas grösser als der Kanton Graubünden ist und neben fast 2500 Seen eine unglaubliche Wald- und Felsenlandschaft umfasst. Er bietet Lebensraum für Elche, Bären, Biber, Vögel und Fische. So gehört natürlich eine Angelrute genauso zur Ausrüstung wie das Zelt oder der Camper. Fischen lernt man in Kanada sowieso gleich nach dem Laufen!

Man kann den Park auf Land- und Wasserwege erforschen. Es führen Routen durch die Wälder und von den Bergen (für Schweizer eher Hügel) kann man eine atemberaubende Aussicht geniessen. Das grosse Abenteuer aber findet im Kanu statt und nennt sich Portage. Man paddelt im Kanu zu zweit oder zu dritt über den See, den Köder am Silch natürlich immer im Wasser. Erreicht man das andere Ufer, wird die Ausrüstung und das Kanu auf die Schultern geladen und zum nächsten See getragen. Übernachtet werden darf nur an den dafür vorgesehenen Stellen, es ist immernoch ein Nationalpark und somit "unberührte" Natur. So kann man mehrere Tage im Busch verbringen und sich vom Fisch und den mitgebrachten Vorräten ernähren. Denn Strom, einen Supermarkt oder eine Telefonzelle gibts es nicht. Dafür schmeckt das Wasser von der Quelle viel besser als aus jedem Wasserhahn.


Aufgrund des Alters der Kinder konnten wir nur eine eintägige Portage zu dritt machen. Doch eine mehrtägige Reise im Kanu steht ganz oben auf meiner To Do Liste. Ich hoffe dies nach meiner Arbeitszeit in Angriff nehmen zu können, also in etwa 12 bis 18 Monaten.
Doch auch eine eintägige Portage ist bereits ein Abenteuer. Wir überquerten den Rock Lake aus Zeitgründen mit dem 6 PS Motorboot, das Kanu im Schlepptau. Danach trugen wird das Kanu und die Ausrüstung durch den Wald zum Pen Lake, auf welchem wir den Nachmittag mit Fischen in bis zu 30 Meter Tiefe verbrachten. Hier sind Motorboote sowieso nicht mehr erlaubt. Während das einzige Geräusch der Wind war, der über das Wasser gleitete, war eine Seeforelle leider auch der einzige Fisch an diesem Tag, der auf unsere Köder biss.

Seeforelle: Der einzige Fischerfolg an diesem Tag

Möchte man in Ufernähe fischen, so beisst eher mal ein Barsch zu. Diese bevorzugten die Würmer und konnten zu gewissen Tageszeiten relativ erfolgreich gefangen werden. Nahe an Wasserpflanzen und schattigen Plätzen hat man besonders grosse Chancen.

Barsch: Ein willkommener Snack für Zwischendurch





Neben dem Fischen verbrachte ich die sieben Tag am Rock Lake vorallem mit Schwimmen, Bootfahren, Kinder hüten oder einfach gemütlich am Campingfeuer zu sitzen. Auf jeden Fall ist der Besuch eines solchen Parkes ein Muss für jeden Kanadatourist!

Panne: Der Vergaser ist verstopft. WD-40 hilft!
Booth Rock: Wanderung mit unglaublichen Aussicht











Klippensprung: Adrenalin und Erfrischung garantiert
 


Fischerkoffer: Meine neuste Errungenschaft



Montag, 5. August 2013

Die Reise

Packen, Verkaufen, Entsorgen, Verstauen
Bereits einige Tage vor dem Abschiedsfest hatte ich damit begonnen meine Wohnung zu räumen und persönliche Dinge zu verstauen. Das stellte sich leider aber schnell als viel zeitaufwändiger und nervenberaubender heraus als ich vorerst angenommen hatte. Mitnehmen? Verkaufen? Im Estrich verstauen? Oder gar entsorgen? Diese Fragen musste ich mir bei ach so manche Dingen stellen. Bei meinem Ausverkauf im Juni konnte ich zwar einiges los werden, doch war dies trotzdem noch lange nicht alles.
So füllten sich Bananenschachtel um Bananenschachtel und auch die Entsorgungsfirma Obrist durfte über 260 kg Material entgegennehmen. Für die durch den Transport der Möbel enstandenen Ruhestörungen im Wohnhaus musste ich mich bei den im Block wohnenden Nachbarn entschuldigen. Na gut, wer will schon unter der Woche morgens um halb zwei Uhr schlafen?!


Jedenfalls schaffte ich es dank grosser Unterstützung meiner drei Geschwister und der Freundin eines Bruders die Wohnung termingerecht auf Vordermann zu bringen und die Steuererklärungen für die Jahre 2012 und 2013 bei der Gemeinde einzuwerfen. Am Freitagabend konnte ich den letzten Abfallsack zuschnüren und mich für das Vorabend-Check-In auf den Weg zum Flughafen machen.

Koffer 1, Koffer 2, Mountainbike, Snowboard
Am Check-In Schalter stellte sich heraus, dass es sich definitiv gelohnt hat für eine höhere Freigepäckgrenze die teurere Klasse zu buchen. Statt den üblich erlaubten beiden Gepäckstücken à 23 kg durfte ich jeweils 32 kg pro Koffer packen und statt 10 kg Handgepäck 20 kg ins Flugzeug nehmen. Durch den Transport von Werkzeug konnte ich diese Limite auch ziemlich gut ausschöpfen. Mit meinem Wagen voller Gepäck brachte ich die Dame am Schalter sichtlich aus dem Konzept. Einigen Diskussionen über Freigrenzen, Gepäckstücke, Aufpreise und Computerprobleme später konnte ich nach einer kurzen Neuverpackung des Mountainbikes folgendes Gepäck aufgeben:

1. Koffer:              30.1 kg
2. Koffer:             30.0 kg
Mountainbike:   23.3 kg
Snowboard:           8.7 kg

Zu diesen 92.1 kg kamen dann noch etwas mehr als 20 kg Handgepäck. Hier konnte ich gut die Limite etwas überschreiten, da dieses Gepäck nicht auf der Waage landet.
Als dann die Gebühren bezahlt waren und ich einen kleinen Teil wieder auspacken musste, war die Dame mindestens so froh wie wir, dass wir uns wieder Richtung Ehrendingen machen konnten. Fazit: Trotz modernster Technik und globaler Vernetzung ist für ein Check-In mit so viel Gepäck mit enormem Zeitaufwand zu rechnen und ausreichend Geduld nur von Vorteil.


Zürich - Reykjavik / Reykjavik - Toronto
Nach einem ausgiebigem Familienbrunch ging es am Samstagmittag wieder zum Flughafen. Neben der Familie kamen fünf Freunde um mir eine gute Reise zu wünschen. Trotz der grossen Vorfreude auf die kommende Zeit zieht ein solcher Abschied nicht spurenlos an einem vorbei. Doch um etwas Neues zu wagen muss man Vertrautes zurücklassen. Das gilt es zu akzeptieren.
Nachdem Kaffee und einigen Tränen geflossen waren, sass ich schon im Flugzeug und sah die Schweiz verschwinden. Ungefähr vier Stunden in der Luft, einer etwas besseren Flugzeugmahlzeit und dem Film Hangover 2 später, landete ich in Island. Ohne Zwischenfälle und nach kurzer Wartezeit in Reykjavik sass ich auch schon wieder in einem Flugzeug und steuerte mein Endziel Toronto an. Diese sechs Stunden Flugzeit verbrachte mit dem Verzehren der selben Mahlzeit wie im ersten Flug, einem weiteren Film und mehreren unbequemen Schlafminuten.


 
Passkontrolle, Immigrationszentrum, Gepäckausgabe, Zoll
Um 19 Uhr Ortszeit bin ich planmässig in Toronto gelandet. Der Papierkram beim Immigrationsbüro war viel schneller erledigt als ich mir gedacht hatte. Nach wenigen Minuten konnte ich mit der Arbeitsbewilligung das Büro verlassen. Diese Effizienz aber bestätigte sich bei der Gepäckausgabe leider nicht mehr. Nach 40 Minuten Warten konnte auch ich endlich mein Fahrrad vom Förderband nehmen. Beim Zoll wiederum wurden meine Befürchtungen erfreulicherweise nicht wahr. Ohne mit den Wimpern zu zucken liess mich der Herr freundlich passieren und ich schritt zügig Richtung Ausgang wo bereits mein Freund Billy auf mich wartete. Es ist schon ein komisches Gefühl, das komplette Hab und Gut (zumindest für die nächste Zeit) auf einem kleinen Wagen vor sich her zu schieben. Zusätzlich zum Gepäck auf dem Bild trage ich einen Rucksack in der Grösse des kleinen braunen Koffers. Das ist alles.

Nach einer kurzen Autofahrt konnte ich in mein neues Zuhause einziehen ...


Abschiedsfest


Das Abschiedsfest am Mittwoch war einfach unglaublich! Vielen Dank für die tollen Geschenke, die Texte auf der Fahne und die lustigen Erinnerungsfotos. Das Werkzeug ist bereits ausgepackt und die Schweizerflagge ziert die Wand von meinem neuen Zuhause. Ich habe mich über die vielen Gäste sehr gefreut und konnte diesen Abend in vollen Zügen geniessen. Herzlichen Dank allen!