Es fehlte noch eines meiner Familienmitglieder auf der Gästeliste im Hause an der Hiawatha Road in Toronto. Nachdem ich bereits meine Eltern, meine Schwester Bettina und meinen Bruder Peter auf Besuch hatte, konnte ich am 14. August auch noch meinen anderen Bruder Bruno empfangen. Mit dabei war seine Freundin Nadine. Die beiden verliessen die Schweiz bereits einen Monat früher und reisten durch Nicaragua und Costa Rica. Die ersten paar Tage verbrachten wir in Toronto, denn die beiden waren erschöpft von ihrer Mittelamerikareise. Doch nachdem die Wäsche gemacht, die Fäden gezogen und alle ausgeruht waren, ging es auf zu einer weiteren Abenteuerreise in Kanada. Die Fotos findet ihr hier!
17. - 21. August; Algonquin Park und Huntsville (Rock Lake und Pen Lake)
Als erstes Stand ein Besuch bei Sarah, Billy und den Kindern am Rock Lake im Algonquin Park auf der Liste. Nach zwei Tagen auf dem Zeltplatz mit fischen, Boot fahren und Lagerfeuer war die Bekanntschaft mit der kanadischen Natur gemacht und Bruno, Nadine und ich packten unsere Rucksäcke, um etwas tiefer in die Wildnis vorzudringen. Wir mieteten ein Kanu und paddelten bis zum Ende des Sees. Dann kam die sogenannte Portage, wo man das Kanu und die Ausrüstung auf die Schultern lädt und zum nächsten See transportiert.
Diese Portagen können von einigen hundert Metern bis zu mehreren Kilometern sein. Eine Karte des entsprechenden Parkes mit all den Aussenzeltplätzen und Portagerouten ist ein Muss, denn auch hier darf man seine Zelte nicht einfach aufschlagen, wo man gerade will. Bevor man interior geht, auch Backcountry Camping genannt, ist eine Registrierung bei einem der Parkbüros notwendig. Es wird gefragt, wieviele Nächte man auf welchen Seen verbringt. So ist sichergestellt, dass auf dem entsprechenden Gewässer für diesen Tag auch noch ein Aussenzeltplatz verfügbar ist. Die Portage und die Campingplätze sind dann auch vor Ort markiert.
Nachdem wir also unser Boot und das Gepäck zum Pen Lake getragen hatten, waren wir nur noch von der schönen Natur umgeben. Denn an diesen See führt keine Strasse, es gibt keine Häuser und Motorboote sind aber hier auch nicht mehr erlaubt. All die Aussenzeltplätze sind nur per Kanu erreichbar und es gilt, sich streng an die Vorschriften zu halten: Die Lebensmittel müssen über Nacht bärensicher verstaut werden und einem Feuer sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Rucksack mit dem Essen wird hoch auf einen Baum gebunden und möglichst weit aussen an einem starken Ast befestigt. Denn Bären sind ausgezeichnete Kletterer und es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Lebensmittel ausserhalb der Reichweite vom Baumstamm her befestigt werden.
Am anderen Ende des Pen Lakes fanden wir einen geeigneten Platz für uns drei und schlugen das Zelt auf. Nach erfolglosen Versuchen des Fischens mussten wir unser Abendessen aus den mitgebrachten Lebensmittel zusammenstellen. Doch auch das schmeckte uns sehr gut und wir konnten den restlichen Abend gemütlich am Feuer verbringen.
Der nächste Morgen brachte uns zwei Geburtstagskinder. Neben William, der nun stolze zwei Jahre ist, durfte auch Nadine ihr Jubliäum feiern - Mitten in der kanadischen Wildnis. Zum normalen Frühstück gab es einen auf dem Feuer gebackenen Kuchen. Achzig Prozent des Schoggikuchens kam gut heraus. Die Pfanne jedoch überlebte das Kochabenteuer nicht, hatte sie sich mit den restlichen zwanzig Prozent des Kuchens so eng befreundet, dass eine Trennung unmöglich wurde. Nachdem wir uns gestärkt und unser Lager abgebrochen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Es war Sarah und Billys letzter Tag auf dem Campingplatz und wir beschlossen sie im nahegelegenen Huntsville zur gemeinsamen Geburtstagsfeier treffen. Wir buchten Motelzimmer für eine Nacht und fanden uns alle frisch geduscht und geputzt im vereinbarten Restaurant wieder. Nach dem Essen trennten sich unsere Wege definitiv und wir planten unsere Reise zu dritt weiter.
21. - 24. August; Bruce Penninsula
Ausgeruht machten wir uns von Huntsville auf den Weg zur Georgian Bay. Als erstes Ziel setzten wir uns den Bruce Penninsula Nationalpark. Dort angekommen schlugen wir unsere Zelte auf und richteten uns ein. Die Georgian Bay ist bekannt für kristallklares Wasser wie man es von der Karibik kennt. So hat sie viele schöne kleinere Buchten und Wanderwege zu bieten. Wir unternahmen Tagesausflüge vom Zeltplatz aus, sprangen vom Felsen ins erfrischende Wasser und konnten eine schöne Grotte sehen. Die Georgian Bay ist eine grosse Bucht des Lake Hurons, einem der grossen Seen Nordamerikas, und das Süsswasser hat über die tausenden Jahre die Küstenfelsen stark geprägt. So findet man viele speziell geformte Klippen oder eben eine Höhle mit einem Unterwasserzugang, der das Grottenwasser im wunderschönen Licht erscheinen lässt. Es war aber nicht so, dass man etwa ein Tauchrisiko auf sich nehmen muss. Die Grotte war auch relativ einfach zu Fuss erreichbar.
Die Form der Halbinsel bergte aber auch Gefahren in sich.Unzählige Schiffswrack sind an den Küsten von Tobermory bis Owen Sound zu finden. Die vielen Leuchtturme erinnern an eine Zeit, wo die Schiffe noch ohne Navigationsgeräte auf See waren. Nun sind viele dieser Lichthäuser einfach beliebte Objekte für Ferienfotos oder dienen als Museeumshäuser.
24. - 25. August; Manitoulin Island
Nach einem Besuch in der Touristenstadt Tobermory ganz im Norden der Halbinsel beschlossen wir uns die Fähre zu nehmen und die Insel Manitoulin zu erkunden. Eine zweistündige Schiffsfahrt und einem kurzen Schläfchen später kamen wir in South Baymouth an. Wir fuhren gleich weiter und machten uns auf die Suche nach einem Motel auf der Insel mit Seen, die wiederum Inseln mit Gewässer haben. Nach einigen eher teuren Bed & Breakfast Angeboten fanden wir eine Bleibe, die relativ günstig war. Der Manager war ein sehr freundlicher und gesprächsfreudiger Inder und wir fanden uns bald alle zusammen in unserem Zimmer beim Abendessen wieder.
Am nächsten Tag besuchten wir eines der Eingeborenenreservate. Die von den Inuit abstammende Bevölkerung wird hier Natives oder First Nations genannt, da der Begriff Indianer bzw. Indians umstritten ist. Im Laufe der Geschichte wurden mehrere Abkommen unterzeichnet, die die Lebensräume dieser Bevölkerungsgruppen regelt und die Grenzen der Reservate festlegt. Die Gebiete gehören zwar ebenfalls zu Kanada, werden aber von den Einheimischen regiert und von der eigenen Polizei, der Tribal Police kontrolliert. Leider aber ist das Leben in diesen Reservaten nicht so rosig. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch und Alkohol- und Drogenmissbrauch sind einige der grossen Probleme. Die Menschen leben sehr arm und wer nicht bei der Polizei arbeitet oder zu den Stammesführern gehört, versuchen sich ein wenig Geld mit dem Verkauf von handgemachten Souvenirs zu verdienen.
Wir machten eine Wanderung, auf der wir die ganze Zeit von drei besitzerlosen Hunden begleitet wurden. Doch bald stellte sich heraus, dass diese Tiere nicht das Problem waren. Im Wald wurden wir von den hungrigen Mücken geradewegs überfallen, so dass wir bald ein ziemlich zügiges Tempo an den Tag legen mussten. Der gemütliche Hike wurde zu einem qualvollen Lauf und Antibrumm und Parapic waren stets in Gebrauch. Trotzdem aber hatte es sich am Schluss gelohnt, denn die Aussicht von der Plattform über die Insel war unbeschreiblich schön. Obwohl die Wanderroute nur etwa fünf Kilometer lang war kamen wir total erschöpft zurück. Wir brauchten die Arme zur Mückenabwehr wohl mehr, als dass wir die Beine zum Laufen bewegten.
25. - 29. August; Killarney Park
Nachdem wir die Manitoulin Insel im Norden bei Little Current über die Brücke verlassen hatten, machten wir uns auf den Weg Richtung Sudbury. Denn vor uns hatten wir vier Nächte auf dem Zeltplatz im Provinzpark Killarney und wir mussten noch einiges an Proviant einkaufen. Und dann passierte es - mitten auf der Autobahn. Das, was jeder Kanadabesucher sehen möchte und trotzdem eine Seltenheit ist. Ein ausgewachsener Schwarzbär rennte über den Highway und flüchtete ins Dickicht. Die Angst vor Bären ist eher unbegründet, denn die Raubtiere haben mehr Angst vor uns Menschen. Es gilt sie nicht mit Essen anzulocken oder sie mit den Jungtieren zu stören, andernfalls sind es die Bären, die bei einem Aufeinandertreffen davonrennen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Begegnung mit einem Bär in der Wildnis unwahrscheinlich ist. Die grösste Chance ist effektiv der Highway, den die Bäre und Elche von Zeit zu Zeit überqueren müssen. Darum ist auch das Fahren in der Nacht und bei Dämmerung nicht empfehlenswert, ist die Überlebenschance für den Menschen bei einem Wildtierunfall dieser Grösse eher gering.
Aufgestockt mit Lebensmitteln kamen wir also im Killarney Park an. Die frühzeitige Reservation stellte sich als gute Entscheidung heraus, war der Zeltplatz nämlich ausgebucht. Wir richteten uns spät abends ein und fanden uns bald in den warmen Schlafsäcken wieder. Der Park hatte ebenfalls einige Aktivitäten wie wandern, fischen und Kanu fahren zu bieten. Daneben vertrieben wir uns die Zeit mit Lesen, Kreuzworträtsel in der Hängematte lösen und Essen. Vorallem letzteres war eine sehr zeitintensive Angelegenheit für uns. Denn wir kochten stets feine Menüs und da wir hier mit der Angelrute mehr Glück hatten, konnten wir auch in den Genuss von frischem Fisch kommen.
29. August - 7. Sept; Toronto
Am Freitag dem 29. August packten wir unsere Sachen wieder in mein Auto und fuhren zurück nach Toronto. Wir hatten grosses Wetterglück während unserer Zeit in der Natur und konnten manche schöne Landschaftsbilder geniessen. Trotzdem waren wir alle froh, wieder zurück nach Toronto zu kommen. Die restlichen Tage verbrachten wir in der Stadt mit Veloausflügen, Salsa tanzen und einmal mehr: Essen. Ob beim Inder auswärts oder die selbergemachte Lasagen zu Hause, die kulinarischen Aspekte kamen sicher nie zu kurz.
Am 7. September brachte ich dann die beiden wieder an den Flughafen. Ich bin mir sicher, dass es Bruno und Nadine sehr gefallen hat, doch auch sie waren froh, nach fast zwei Monate auf Reise wieder auf dem Heimweg zu sein. Vielen Dank für den Besuch!